Nachdem in der letzten Woche so einiges zusammenkam, muss ich wohl mein komplettes Weltbild umstellen. Wie aus meinen früheren Beiträgen unschwer zu erkennen war, war ich doch ziemlich “links” angehaucht und der festen Überzeugung, die Zukunft der Menschheit läge in einer Stärkung der Gemeinschaft zulasten persönlicher Interessen. Jetzt ist mir klar geworden, dass das wohl nie funktionieren wird, weil selbst die Ideale, nach denen die Gesellschaften vorgeben zu handeln nur vorgeschoben sind. Und das ist nicht nur meine persönliche Meinung, da kann ich Experten zitieren. Wie zum Beispiel Michael Lüders. Seiner Meinung nach begründet der Westen seine Interventionen immer mit humanitären Geschichtspunkten, Menschenrechten oder Demokratie. Damit würde er seine wirklichen Ziele aber penetrant verleugnen, denn in Wirklichkeit ginge es um Macht und Einfluss. Warum wird in Mali interveniert? Weil Frankreich da sein Uran herbekommt. Und dann auch gerne auf Seiten einer Putschistenregierung. Die Liste ist noch viel länger, der Tenor eindeutig: Ideale zählen rein gar nichts, es ist reine Interessenpolitik. Nur würde das nie jemand zugeben. Der Schein scheint wichtig zu sein. Dann kam im Fernsehen ein Themenabend zu den Zuständen in den Kinderheimen der 60er Jahre. Prügel, Demütigungen und was weiß ich nicht noch alles an (eigentlich verbotenen) Mißhandlungen. Das ist nie juristisch aufgearbeitet worden und wird wohl auch nie. Denn: Damit müsste ja zugegeben werden, dass die Kirchen und die Jugendämter da auf ganzer Linie versagt hätten, und das ist völlig wider der Interessenlage der Gerichte und des Staates. In einem echten Rechtsstaat müsste der Bürger theoretisch mit gleichem Recht gegen den Staat vorgehen können, aber der Rechtsstaat ist auch in der Bundesrepublik Deutschland nur eine Illusion mit beschränktem Wert. Ganz krasses Beispiel waren ja die SS-Einsatzgruppen. Weil sich deren Anführer darauf beriefen, nur die Befehle der Staatsführung befolgt zu haben, gab es auch für tausendfachen Mord effektiv fünf Jahre Haft. Ein absolut kranker Witz. Aber vor diesem Hintergrund nur zu einleuchtend. Die Doktrin ist, dass die staatlichen Organe aus Prinzip immer rechtmäßig handeln. Und deshalb war es nicht im Interesse der Gerichte, hier ein Exempel zu statuieren dass die Menschenrechte mehr wert sind als die staatliche Ordnung eines verbrecherischen Regimes. Denn das hätte ja bedeutet, dass es zulässig oder sogar verpflichtend gewesen wäre, sich unrechtmäßigen Befehlen zu widersetzen. Oder die ganzen Richter, die nach NS-Recht gerichtet haben, unrecht begangen hätten. Will keiner. Also lieber das Ideal über den Haufen werfen und die Sache klein halten.
Und logischerweise ist mir das genauso gegangen. Ich bin Opfer eines schlampigen Gesetzes geworden. Wer als Händler Elektrogeräte exportiert wird für die Entsorgung zweimal zur Kasse gebeten, einmal in Deutschland und nochmal im Zielland. Das ist wider dem EU-Vertrag, Zollverbot. Theoretisch – nach der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs – könnte ich die Richtlinie überprüfen lassen und mir den entstandenen Schaden durch das fehlerhafte Handeln des Mitgliedsstaates ersetzen lassen. Das steht aber nur auf dem Papier, denn der Rechtsweg führt zunächst einmal über die deutschen Gerichte. Die Crux ist, dass sie die Sache dem EuGH vorlegen können, wenn sie sie für “entscheidungserheblich” halten und die letzte Instanz müsste ziemlich zwingend vorlegen. Nur: was würde das bedeuten? In Deutschland ist das juristische System so gebaut, dass es keine Haftung für legislatives Unrecht gibt. Nada, nijente. Eine Kommune könnte die sofortige standrechtliche Erschießung eines Falschparkers anordnen und wahrscheinlich wäre für die Ausführung dieser Anordnung niemand haftbar zu machen (Wenn es nicht einen riesigen medialen Wirbel auslösen würde). Genau diesen Punkt wollte ich mithilfe des EuGH und des europäischen Haftungsinstruments untergraben. Aber das liegt nicht im Interesse der Gerichte und ihrer Brötchengeber. Also lief das ganze so, dass das Landgericht die Sache abgewiesen hat und dabei erkannt hat, dass die Richtlinie eben ungültig ist und deshalb der Gemeinschaftsgesetzgeber schuld ist. Dass ein deutsches Gericht über die Gültigkeit einer Richtlinie gar nicht urteilen darf, ist da völlig schnuppe. Das Oberlandesgericht hat diesen Spruch im wesentlichen bestätigt, und hat noch dazugefügt, dass die EU-Institutionen das Sachgebiet halt hätten regeln müssen. Das der EuGH da ganz anderer Ansicht ist? Auch irrelevant. Um der Vorlagepflicht zu entgehen, ließ das OLG einfach Revision zu. Und beim Bundesgerichtshof braucht es einen extra Anwalt. Den zu bekommen bei einem Streitwert von 4.000 Euro war schon schwer genug. Und dann wurde es extra perfide: Der Anwalt ließ sich die Frist so lange verlängern wie es ging und teilte mir dann mit, die Sache sei aussichtslos. Und weigerte sich einfach die Revision zu begründen. Den Anwalt wechseln ging dann wegen der Frist auch nicht mehr und damit war die Sache ganz einfach in den Boden gestampft. Ob der BGH die Sache hätte tatsächlich vorlegen müssen? oder hätte er die Frage einfach auch für irrelevant erklärt? Keine Ahnung. Das System funktioniert jedenfalls. Nur hat es mit Rechtsstaat nicht mehr viel zu tun. Deutsche Gerichte lassen sich von einem europäischen Gericht halt nicht gerne vorschreiben wie sie zu urteilen haben. Vor allem, wenn deutsche Werte auf dem Spiel stehen. (Wer es genau wissen will, dem zeige ich gerne die Passagen aus den deutschen Urteilen und den Sprüchen des EuGH, die sich wortwörtlich widersprechen).
Was habe ich daraus gelernt? Sei ein Egoist. Scheiß auf die Ideale. Bereichere dich wo du kannst. Auf den Staat kannst du dich nicht verlassen. Du kannst den Staat auch ruhigen Gewissen bescheißen, solange man sich nicht erwischen lässt.
Nachtrag: Oben war die Geschichte mit den Kinderheimen. Die Kirche steht da bei den heuchlerischen Idealen auch ganz, ganz weit vorne. “Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst”. Es ist eben nur unmöglich, sich darauf zu berufen … dein nächster freiwilliger Hilfsorganist soll gefälligst von den heiligen Orgeln der großen Domorganisten fernbleiben.
Nachtrag zwei: Auch unsere liebe Regionalzeitung schreibt zwar gerne Artikel über Mitarbeitermotivation, aber selbst anwenden tun sie dies natürlich auch nicht.